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"O werthe Druckerkunst / Du Mutter aller Kunst"
Gutenbergfeiern und Gutenbergdenkmäler in den Jahrhunderten
Keine technische Erfindung ist je so gefeiert worden wie die Erfindung der Buchdruckerkunst. Nach der "Kölner Chronik" von 1490 nahm man an, daß der Buchdruck um 1440 in Mainz erfunden wurde, deshalb gedachte man seit 1540 im 40. Jahr jedes Jahrhunderts dieses Ereignisses mit den unterschiedlichsten Mitteln. Die Ausstellung "O werthe Druckerkunst ...", Auftaktveranstaltung zum Gutenberg-Jubiläumsjahr 2000, geht den Spuren und Erscheinungsformen der Gutenbergverehrung durch die Jahrhunderte nach.
Die Ausstellung zeigt die Langlebigkeit und die verschiedenen Formen dieser Memorialkultur. Das Andenken an Gutenberg ist (in Deutschland) das längste, kontinuierlichste und intensivste an eine Gestalt, die für sich weder politische, konfessionelle noch im weiteren Sinne künstlerische Bedeutung hatte. Gutenberg geriet nie in Vergessenheit, für seine Jünger, die Buchdrucker hatte er zeitweilig die Funktion eines Zunftheiligen.
Da die Nachrichten über die Biographie des Mainzer Patriziers Johann Gensfleisch zum Jungen, ge-nannt Gutenberg, sehr spärlich sind, sind die Gutenbergfeiern in erster Linie Kaleidoskope der ein-zelnen Epochen, ein Spiegelbild der Feiernden und ihrer eigenen Sicht auf sich selbst. Gutenberg und mit ihm Johannes Fust und Peter Schöffer waren Teil des kulturellen Gedächtnisses, hier kristal-lisierte sich eine Erinnerungsfigur heraus, die von den Trägern der Feiern, zunächst den Buch-druckern und Buchhändlern überliefert wurde.
Von der ersten Jahrhundertfeier im Jahre 1540, nach den Wirren der Reformation und den Bauerkriegen gibt es wenige Nachrichten. Ein Mainzer Lobgedicht zu diesem Anlaß beschreibt Gutenbergs Leistung, aber auch die Fusts und Schöffers ziemlich klar und wird für das Gutenbergbild der nächsten zwei Jahrhunderte bestimmend. In Wittenberg, dem Zentrum der Reformation, gedenken die Drucker Hans Lufft und Georg Rhaw des "Gottesgeschenks" des Buchdrucks im Sinne Luthers für die Verbreitung der Bibel und des Evangeliums. Dieser Gedanke prägt den Blick auf Gutenbergs Erfindung entscheidend und steuert die religiös-akademischen Gedenkformen, so auch hundert Jahre später, im Dreißigjährigen Krieg. Die führenden Leipziger Buchdrucker legen erstmals den Termin auf den Namenstag Gutenbergs und Fusts, den 24. Juni, fest und begründen damit eine Tradition. Das Lob des Buchdrucks bewegt sich ganz im System der Theologie, das Gedenken wird von den Buchdruckern und Gelehrten getragen. Mit der Aufklärung, der Feier von 1740, weitet sich langsam der Kreis und Gutenberg löst sich aus der theologischen Fixierung. Nicht nur das kulturelle Gedächtnis begründet nun das Lob, auch die Geschichtsschreibung nimmt sich dieses Gegenstandes an.
1837 wird in Mainz das große Gutenbergdenkmal von Bertel Thorvaldsen enthüllt, es ist das erste öffentliche Monument. Gutenberg tritt aus dem Rahmen der Memorialkultur der Theologen und Gelehrten und wird in den Kanon großer Deutscher wie Blücher oder Goethe aufgenommen. Das Mainzer Volksfest mit nationaler Hochstimmung ist das Vorbild für fast alle kommenden Feste des 19. Jahrhunderts. 1840, im Zeitalter des Vormärz mit seinem Streben nach Einheit, wird an vielen Orten gefeiert, auf Gutenberg werden verschiedene Wunschvorstellungen projiziert. In Preußen sind wegen des Todes von König Friedrich Wilhelm III. kurz vor dem 24. Juni erst im Herbst nur einige Feste zugelassen. In Bayern dagegen sind die Veranstaltungen aus Angst vor politischen Demonstra-tionen verboten.1840 bildet sich eine öffentlich zelebrierte Festform heraus, mit Kantaten, Reden, Umzügen, Fahnen, Feuerwerk, Fackeln, Glockengeläut und Kanonenschüssen.
Die Feiern schwanken zwischen dem Lob des Mediums und dem des Genies Gutenberg. Jahrhun-derte lang wird die Erinnerung an dem fiktiven Portrait von Thevet aus dem Jahre 1580 festgemacht, erst im 19. Jahrhundert bekommt Gutenberg durch das Mainzer Denkmal Gestalt. 1840 entsteht auch das Frankfurter Gutenbergdenkmal, das aber erst 1858 fertiggestellt wird und wegen seiner kom-plexen Konzeption weniger rezipiert wird als das klassizistisch-schlichte Mainzer Denkmal.
1900 dagegen, zum 500. Geburtstag Gutenbergs, ist nach der Reichsgründung von 1871 das nationale Pathos geschwunden, eine starke Ernüchterung eingetreten. Die technische Revolution im Druckwesen und die Industrialisierung lassen keinen direkten Bezug mehr auf Gutenberg zu, er wird zum fernen "Altmeister". Dagegen hat die historische Forschung dieser Zeit viele neue Erkenntnisse zum Leben und Wirken Gutenbergs ermittelt. Zugleich aber ist er jetzt Projektionsfläche imperialis-tischer Wunschträume des Hohenzollernreichs. Nur in Mainz findet eine geradezu überwältigende mehrtägige Feier statt. Es wird ein großartiger Umzug in Kostümen veranstaltet, in der die Stadt ihren Sohn Gutenberg und sich selbst ehrt, das Ereignis wird von großem internationalen Presseecho begleitet. Auch die Gründung des weltweit bekannten Gutenberg-Museums und der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft folgen aus dieser Jahrhundertfeier. In der NS-Diktatur dagegen, im Juni 1940, am Ende des Frankreichfeldzugs, sind die Buchdrucker und Verleger gleichgeschaltet, die Partei feiert nun den Erfinder des wirkungsvollen Propagandainstruments.
Die Wiedereröffnung des Gutenberg-Museums als eines modernen Museums, die Schaffung des Gutenberg-Preises sowie die Gründung eines Instituts für Buchwesen an der Mainzer Universität kennzeichnen den Umgang mit der historischen Persönlichkeit im Umfeld demokratischer und international ausgerichteten Geschichtsverständnisses nach dem 2. Weltkrieg.
Eröffnung der Ausstellung: 19.10.1999, 18.00 Uhr.
Mainz, den 7. September 1999
Dr. Eva-Maria Hanebutt-Benz
(Direktorin des Gutenberg-Museums)
Dr. Monika Estermann
(Historische Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.)
verantwortlich für die Ausstellung
Ausstellung des Gutenberg-Museums
Im Foyer des Rathauses,
55116 Mainz, Tel.: 06131/12 26 40
Öffnungszeiten:
Ausstellungsdauer: 20.10. - 17.11.1999
Montag bis Freitag 7 bis 18 Uhr,
Samstag 9 bis 14 Uhr,
Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Text von Monika Estermann
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