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Sensationeller
Fund am Ende des Jahrhunderts Gutenberg-Bibel in
Rendsburg entdeckt
Es ist schon fast
ein Ritual: Anrufer geben dem Gutenberg-Museum in
Mainz bekannt, sie hätten auf ihrem Dachboden
oder in ihrem Keller eine Gutenberg-Bibel
entdeckt. Den Mitarbeitern entlocken diese frohen
Botschaften in der Regel nur ein müdes, aber
verständnisvolles Lächeln, denn fast alle
sogenannten "Jahrhundertfunde"
entpuppten sich als Bibeldrucke der letzten
zweihundert oder dreihundert Jahre. Kein Wunder,
ist doch die Bibel nun einmal das meistgedruckte
Buch der Welt - und das seit Jahrhunderten!
Mitte des Jahres
horchte man aber auf im Mainzer Museum: Im
Buchbestand der St. Marien-Kirche im
norddeutschen Rendsburg war ein Bündel Seiten
aufgetaucht, dessen Druck und Gestaltung sich von
allen anderen "uralten" Bibeln
unterschied: Es handelte sich tatsächlich um ein
umfangreiches Fragment einer Gutenberg-Bibel.
Über Jahrhunderte hatte man die rund 140 Seiten,
die sogar noch im originalen Einband aus dem 15.
Jahrhundert steckten, nicht als Druck von
Gutenberg erkannt, und die letzten fünf Jahre
lagerte dieses unerkannte Juwel im Schrank einer
Restauratorin in Süddeutschland.
Erst als in diesem Jahr der leitende Bibliothekar
der Nordelbischen Kirche Dr. Joachim Stüben ein
Verzeichnis seiner historischen Schätze in der
alten Kirchenbibliothek anlegte, war der Bann
gebrochen: Er erkannte sofort die
charakteristischen Eigenschaften der 140 Seiten,
die sie vom grauen Archiv-Mäuschen zum
"Shooting-Star" in Norddeutschlands
Bücherregalen beförderten: 42 Zeilen auf einer
Seite, eine gotische Druckschrift und das
passende Format des Satzspiegels! Die
Überprüfung durch Mitarbeiter des
"Gesamtkataloges der Wiegendrucke" in
Berlin ergab: Rendsburg besitzt eine eigene, wenn
auch unvollständige Gutenberg-Bibel! Doch der
Teufel steckt im Detail: Die ehemals von Hand
ausgemalten Initialen waren herausgeschnitten,
vermutlich von einem Sammler irgendwann in den
letzten 400 oder 500 Jahren.
Gerade über die Gestaltung der Initialen,
daneben auch über die verschiedenen Einbände
von der Hand ganz unterschiedlicher Buchbinder,
lassen sich die 48 bisher bekanntgewordenen
Gutenberg-Bibeln gut auseinanderhalten. Die
Gesamtauflage von 1452/55 betrug 180 Stück.
Sollte sich bestätigen, daß der Rendsburger
Fund nicht Teil des ersten Bandes einer schon
bekannten, irgendwo in der Welt lagernden
Gutenberg-Bibel ist, dann wäre die Liste der
ganz oder teilweise erhaltenen Gutenberg-Bibeln
um eine auf 49 zu erhöhen.
Team "Mainz. Gutenberg 2000"
Abbildungsvorschlag:
Schleswig-Holsteinische
Landeszeitung vom 20. juni 1997 - Foto:
Wohlfromm.
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