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Von
Jungfrauen, Mönchen und Hurenkindern
Alle Berufe und
Jobs haben genauso ihre sprachlichen Eigenheiten
wie gesellschaftliche Gruppierungen oder
verschiedene Altersstufen. Ob es nun der
"Razzefummel" der Grundschüler ist
oder der "Joy stick" der
Computerfreaks, ob man im Internet
"surft" oder sich in der Agentur zu
einem "Meeting" zusammensetzt: Sage
mir, wie Du sprichst, und ich sage Dir, welchen
Beruf Du hast!
Warum sollten da
die Drucker mit ihrem immerhin schon rund 450
Jahren alte Gewerbe eine Ausnahme machen?
Aber sie machen eine Ausnahme, eine sehr
kreative, bisweilen lustige und manchmal sogar
anstößige Ausnahme. Denn mehr als andere
traditionelle Berufe haben Setzer und Drucker
eine Geheimsprache entwickelt, die Fachfremden
oft genug wie ein Buch mit sieben Siegeln
vorkommt und die ohne Erklärung auch mit viel
Fantasie nicht mehr zu knacken ist.
Wer die Worte in
einer Druckoffizin (Druckerei) alten Stils nicht
kennt, könnte sich in einen Zoo versetzt fühlen
oder in die Großküche eines Restaurants: Da
bezeichnet man mit "Zwiebelfisch" eine
Letter, die sich als Irrläufer in den Drucksatz
einer anderen Schriftype eingeschlichen hat, weil
sie im falschen Setzkasten abgelegt worden war.
Dafür wurde manch gebeuteltem Lehrling von
seinem Meister ein "Hering" erteilt
(ein Rüffel) und er zur Strafe stracks an den
"Waschbären" gestellt (Waschanlage zum
Säubern von Druckformen). Dem Meister schall
dann mit Sicherheit ein beherztes
"Affenstall" hinterher - gemeint war
damit der mit Fenstern versehene Verschlag im
Setzersaal, in dem der Meister thronte.
Vornehmer klingt da schon "Eierkuchen",
meint einen Drucksatz, der auseinanderfällt und
sich nur noch als verschobener Letternsalat
darbietet. Als "Gurkenhobel"
bezeichnete man betagte und klapprige
Druckmaschinen.
Einzelne Begriffe
sind sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch
übergegangen: Der "blaue Montag" wurde
jahrhundertelang von Druckern und Setzern für
gesellige Runden genutzt und erhielt seinen Namen
von der blauen bzw. violetten Altarbedeckung in
den Kirchen am Montag zu Beginn des Fastens.
Schriften in ganz kleinen Schriftgraden
charakterisierte man passend als
"Augenpulver", bereiteten sie doch für
die Augen der Setzer eine große Anstrengung: Die
Schrift war nicht größer als Pulverkörner.
"Rotznasengotisch" war eine bestimmte
Druckschrift, die Americain, die sich durch ihre
herabhängenden Serifen oder Häkchen
auszeichnete. "Leintücher" waren
besonders großformatige Zeitungen, fehlte im
Satz dank menschlicher Vergeßlichkeit ein Wort,
war das (noch) fehlende Wort eine
"Leiche", die man durch Schaffung eines
"Grabes", d.h. eines neuen
Zwischenraumes, doch noch unterbringen konnte.
War endlich ein fehlerloser Korrekturabzug
geschafft, hatte man eine "Jungfrau" in
der Hand; sie war kaum zur "Hochzeit"
geeignet, mit der man doppelt gesetzte Worte oder
doppelt gesetzte Satzteile bezeichnete.
Der Rest eines
Satzes, der als kurze Zeile am oberen Beginn
einer Seite erscheint, verdient nur den
Spitznamen "Hurenkind", und sein
Pendant - wie passend -, also die Anfangszeile
eines neuen Absatzes, die ganz am unteren Ende
einer Seite auftaucht, betitelt man als
"Waisenknaben" oder
"Schusterjungen".
Erschien ein Teil eines Satzes nur schwach
gedruckt oder blieb völlig ungedruckt, sprach
man vom "Mönch".
War ein Buch letzten Endes beim Buchbinder
gelandet und strebte seiner Vollendung entgegen,
gingen die Drucker nach Hause und ließen den
"Apostelklopfer" mit dem schwierigen
Geschäft des Buchbindens allein.
Team "Mainz. Gutenberg 2000"
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