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"As Times goes by"
Warum wir immer noch die Times lesen
Wenn ich Ihnen sage, daß Sie vielleicht gerade die Times
lesen, werden Sie unter Umständen mit Erstaunen reagieren.
Die Times ist nicht nur eine der ältesten Tageszeitungen der Welt, die heute immer noch
auf dem Markt ist, sie ist als "Times Antiqua" zugleich eine der klassischen
Schriften, mit denen Zeitungen rund um den Globus auch heute noch arbeiten. Bleibt die
Frage, ob das inzwischen nicht ein bißchen überholt ist, wieso nicht durchgehend mit
moderneren Schriften gearbeitet wird.
Zeitungsschriften sind wie ein guter Wein: Sie werden mit zunehmendem Alter nicht
schlechter, sondern gewinnen an Reife und Volumen. Wer heute eine beliebige Zeitung
aufschlägt, dem kann es passieren, daß er genau die Schriften vorfindet, die schon vor
fünfzig oder mehr Jahren verwendet wurden.
Dabei hat sich das Bild unserer Presselandschaft in den letzten Jahrzehnten gewaltig
gewandelt: Der Offsetdruck hat Einzug gehalten und mit ihm sind viele Blätter bunt
geworden. Die Druckqualität wurde gesteigert, der Bleisatz ist dem Computer gewichen,
moderne Satztechniken mit digitalisierten Schriften haben die Zeitungsherstellung
insgesamt revolutioniert.
Allen diesen Neuerungen scheinbar zum Trotz, lesen wir aber heute immer noch unsere
Nachrichten in Gestalt der "Excelsior", der "Concorde", der
"Centura" oder eben der "Times". Nur: Was macht diese altehrwürdigen
Schriften so besonders wertvoll in einer Welt der typographischen Vielfalt?
Ihrer Verwendung entsprechend dienen alle Schriften dem Lesen von Texten unterschiedlicher
Natur. Manche sind besonders gut für Bücher geeignet, andere lassen sich gut in
Prospekten verarbeiten, und die "lesbarsten" von allen werden vor allem in
Tageszeitungen verwendet. Das liegt auf der Hand, legen doch die Herausgeber der
schnellebigen Tageszeitungen besonders viel Wert auf Lesbarkeit. Bücher werden -
hoffentlich - an ruhigen Orten und zurückgezogen vom hektischen Alltag gelesen. Zeitungen
hingegen konsumieren wir oft genug zwischen Frühstücksei und Marmeladenbrötchen, in der
U-Bahn oder im Zug, in der Mittagspause oder an manch stillem Örtchen. Also muß eine
Schrift in einer Tageszeitung einfach viel mehr leisten als Bücherschriften, sie muß
deutlicher sein und klarer wirken als ihre Verwandten in gebundenen Werken.
Über Jahrzehnte hinweg kam darüber hinaus noch ein ganz technisches Argument hinzu:
Zeitungen wurden im Hochdruckverfahren gedruckt, bei dem die schnelle Rotation in der
Druckmaschine komplizierte Schriften oft leiden ließ.
Diese Argumente führten schon bald zur Entwicklung der Zeitungs-Standard-Typen, zu
"Times & Co.", die sich durch einige bemerkenswerte Details deutlich von
anderen Schrifttypen absetzen.
Sie alle sind mit "Serifen" ausgestattet, das heißt mit den uns unbewußt so
vertrauten kleinen Häkchen an Kopf und Fuß eines jeden Buchstabens. Serifen
unterstützen das Lesen und geleiten uns förmlich über eine Zeile. Mit serifenlosen
Schriften tut man sich schon schwerer, fehlt doch dem Auge der nötige Halt, verliert man
sich leicht im Text. Also tauchen serifenlose Schriften auch so gut wie nie in
Tageszeitungen auf.
Hinzu kommt, daß die Ausarbeitung der einzelnen Buchstaben bei typischen
Zeitungsschriften so angelegt ist, daß die "Binnenräume", also die Löcher in
den "runden" Buchstaben wie "O", "B", "p" usw.
besonders deutlich und groß sind. Dadurch kann die Schrift im Rotationsdruck auf dem
relativ weichen Zeitungspapier ruhig ein bißchen "zerquetscht" werden: Sie
bleibt klar und lesbar.
Ein weiteres besonderes, von uns Zeitungslesern gar nicht wahrgenommenes Merkmal ist die
Größe der Kleinbuchstaben im Verhältnis zu den Großbuchstaben. Wer glaubt, daß sei
bei allen Schriften gleich, der irrt gewaltig! Die Schriften für den Zeitungsdruck weisen
besonders große Kleinbuchstaben auf, haben also eine besonders hohe "x-Höhe".
Auch dadurch wird die Schrift besser lesbar, sie wird auf gleichem Raum quasi größer
gedruckt.
Es ist also die Lesbarkeit, die die Zeitungsschriften am Leben erhält. Etliche
Untersuchungen bestätigen diesen intuitiven Ansatz: Der Mensch liest nicht durch das
Erkennen und Summieren einzelner Buchstaben, sondern durch das Wiedererkennen von
Wortbildern. Sind diese Wortbilder besonders deutlich und klar ausgeprägt - eben wie in
Zeitungen - dann fällt es besonders leicht, sie zu erkennen und (besonders schnell) zu
dechiffrieren.
Moderne Satzschriften greifen diese Erkenntnisse natürlich auf, sind also vor allem in
Hinblick auf ihre Lesbarkeit konzipiert; aber es fehlen ihnen oft der "Charme"
und die Eleganz, die eine "Concorde" oder eine "Times Antiqua" nun
eben ausstrahlen. Kein Wunder also, daß die Zeitungsdesigner, die ganz bestimmt nicht
"antiquitäten-verdächtig" sind, immer wieder gerne zu diesen klassischen Typen
greifen.
Es gibt tatsächlich Formen, die nicht mehr verbessert werden können, die auch unter
aktuell veränderten Vorzeichen aktuell bleiben. Die "Times", die sich so viele
Jahrzehnte als Zeitungsschrift bewährt hat, hat sogar den Sprung ins nächste
Medienzeitalter geschafft: Ob Homepage im Internet oder gedruckte Zeitungsseite - die
Zeiten ändern sich, die "Times" bleibt.
Hans Peter Janisch,
Diplom-Designer
Abbildungsvorschläge: keine Empfehlung
Wie wäre es mit der Kombination mehrerer Schrifttypen
innerhalb des Artikels ? |