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Ein Blick zurück in die Zukunft
Erinnerung an Gutenberg seit mehr als 550 Jahren
Entgegen der Legende, daß Gutenberg seine letzten
Lebensjahre in Mainz als verbitterter, verarmter und vergessener Greis verbrachte, dem die
Früchte seiner Erfindung genommen waren, sah die historische Realität doch sehr viel
positiver aus. Als er 1465 vom Erzbischof Adolf von Nassau zum "Hofmann" ernannt
wurde, kam dies nicht nur einer Rehabilitation des 1462 aus Mainz vertriebenen Bürgers
gleich, es war eindeutig auch eine Anerkennung seiner Leistung und eine finanzielle
Absicherung seiner Altersjahre.
Da offensichtlich keine Nachkommen vorhanden waren (heute sucht man vergeblich einen
"Gutenberg" im Mainzer Telefonbuch), sorgten anfänglich Mainzer Bürger für
seinen Nachruhm:
Sein Grab wurde mit einem Epitaph versehen, das seine bahnbrechende Erfindung
herausstellte. Die Inschrift verschwand aber, als 1577 Jesuiten jeden Grabschmuck und alle
Erinnerungstafeln in der Mainzer Franziskanerkirche entfernten. Schon 1504 hatte der
Mainzer Jura-Professor Ivo Wittig eine Gedenktafel am Hof zum Gutenberg selbst anbringen
lassen.
Aber kurz nach dem Tod von Gutenbergs Kollegen und Mitarbeiter Peter Schöffer, der mit
Gutenbergs Kreditgeber Johannes Fust zuletzt zusammengearbeitet hatte, unterschlug dessen
Sohn in seinen Druckwerken den Hinweis auf den eigentlichen Erfinder Gutenberg zugunsten
der Werkstattgemeinschaft Fust/Schöffer. So wurde die Erinnerung an Gutenberg immer
häufiger fehlerhaft überliefert oder plötzlich ganz anderen Druckern der Zeit
zugeschrieben: Schöffer und Fust, Mentelin aus Straßburg, Waldvogel in Avignon oder dem
Holländer Laurens Janszoon Coster.
Das Dunkel der Unwissenheit erhellt
Die Erfindung selbst wurde von Buchdruckern so geschätzt,
daß möglicherweise schon 1540 in Wittenberg eine Jahrhundertfeier ausgerichtet wurde.
Auf jeden Fall war man sich damals schon bewußt, daß ohne den Buchdruck die Reformation
wohl nicht möglich gewesen wäre, und so setzte man Gutenberg - wenn er denn genannt
wurde - mit Johannes dem Täufer gleich, als einem, der den Weg bereitete: Gutenberg als
"Lichtbringer", der das Dunkel der Unwissenheit erhellt.
Die zweite Jahrhundertfeier fiel in die Wirren des 30jährigen Krieges, aber man feierte
1640 sogar in fünf Städten gleichzeitig. Mainz war durch die Brandschatzungen des
Krieges zu angeschlagen, um sich daran zu beteiligen - selbst eine Druckerei suchte man in
diesen Jahren vergeblich in der Stadt!
1740 jedoch, als das Jubiläum sich schon mit dem Gedankengut der Aufklärung verband,
feierten die Mainzer Buchdrucker mit den Kollegen in Frankfurt am Main gemeinsam, während
zahlreiche andere "Buch- und Verlagsstädte" im deutschsprachigen Raum eigene
Feiern ausrichteten: Leipzig, Erfurt, Straßburg, Breslau, Nürnberg, Halle, Ulm, Bamberg,
Königsberg, Prag und 15 weitere Städte.
Aber noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts fehlte ein "handgreifliches" Denkmal
für Gutenberg - selbst die Inschrift an seinem Geburtshaus war inzwischen
verlorengegangen.
Die Historiker der Französischen Revolution sahen in Gutenberg den "ersten
Revolutionär und Wohltäter der Menschheit": In einer glühenden Rede vor der
französischen Nationalversammlung forderte der deutsch-französische Neubürger
Anarchasis Cloots 1792, Gutenberg müsse durch die Überführung seiner Asche in das
Pariser Pantheon gewürdigt werden, denn seine Erfindung hätte "das Zerschmettern
von Knechtsgeist und Tyrannei" bedeutet. Cloots´ Rede wurde sofort in deutscher
Sprache in der Mainzer Zeitschrift "Der Patriot" veröffentlicht.
Begeisterungsstürme in Frankreich
Das revolutionäre Frankreich begeisterte sich derart für
Gutenberg, daß ernsthaft der Vorschlag gemacht wurde, anstelle des Begriffes
"Buchdruckerkunst" in Zukunft nur noch von "Guttembergisme" zu
sprechen; 1798 wollte man sogar ein Sternbild nach ihm benennen. Schon bald wurden die
ersten konkreten Vorschläge für ein Gutenberg-Denkmal laut und als Napoleon im September
1804 ins damals zu Frankreich gehörende Mainz kam, wurde ein Dekret erlassen, das
immerhin die Anlage eines "Gutenberg-Platzes" vorsah.
Mit der Niederlage des Kaisers der Franzosen verschwanden solche Pläne wieder in der
Schublade. Erst Jahre später erhielten verschiedene Mainzer Gebäude, die mit Gutenberg
in Verbindung zu bringen waren, wieder Schrifttafeln, und 1827 wurde ein immerhin 160
Zentimeter hohes Gutenberg-Denkmal im Garten des Hauses zum Gutenberg eingeweiht.
Die biedermeierlichen 30er Jahre sahen erneute Bemühungen um ein repräsentatives
Denkmal: Es dauerte zwar bis 1837, dann aber feierte man die Einweihung des neuen Denkmals
gleich drei Tage lang, und jetzt sah man Gutenberg nicht mehr nur als Erfinder des
Buchdrucks, sondern auch als Symbol für die "Preßfreiheit".
Für die damalige Presse, die unter der Zensur der jeweiligen Obrigkeit in Deutschland
stand und mitnichten frei berichten konnte, wurde Gutenberg eine "nationale
Figur". Selbst musikalisch fand sein Jubiläum seinen Niederschlag: Berühmte
zeitgenössische Komponisten wie Giacomo Meyerbeer oder Felix Mendelssohn-Bartholdy
komponierten Festmusiken und Carl Loewe wagte sich sogar an ein
"Gutenberg-Oratorium".
Und als man im wilhelmischen Deutschland 1890 in Mainz an den 450. Jahrestag der Erfindung
des Buchdrucks erinnerte, lagen schon konkrete Pläne vor, den 500. Geburtstag im Jahr
1900 mit einem eigenen Gutenberg-Museum zu krönen.
Feiern zum 600. Geburtstag
Das Jahr 1900 sah die Gründung des neuen Museums, das seit
1901 der Öffentlichkeit zugänglich ist und dessen Ausstellungsräume heute in einem
modernen Bau aus dem Jahr 1962 direkt neben dem Dom untergebracht sind.
Die ebenfalls seit 1901 bestehende Gutenberg-Gesellschaft, deren Präsident
traditionsgemäß der Mainzer Oberbürgermeister ist, und ein spezieller Lehrstuhl an der
Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität kümmern sich um die wissenschaftliche Erforschung
der Druckgeschichte und des Buchwesens. Seit dem 500. Todestag Gutenbergs, also seit 1968,
wird sogar ein Gutenberg-Preis verliehen, und den Kleinverlegern, den "Zwergen
Gutenbergs" ist die "Minipressen-Messe" gewidmet, die seit 1969
regelmäßig in Mainz stattfindet.
Für das Jahr 2000 stehen also wieder große Feiern in Mainz bevor, anläßlich des 600.
Geburtstages von Johannes Gutenberg. Angesichts einer mehr als 550 Jahre alten Tradition
von "Gutenberg-Feiern" und des aktuellen rapiden Medienwandels eine
Herausforderung, die sich nicht in nur im Blick zurück erschöpfen wird, sondern unter
dem Motto "Zurück in die Zukunft" stehen wird.
Team "Mainz. Gutenberg 2000"
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