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Experimente im mittelalterlichen
Mainz Die abenteuerliche Biographie
des Johannes Gutenberg und seine Erfindung
Die nüchternen Daten klingen nicht eben spannend: Zwischen
1394 und 1404 geboren, 1420 zum erstenmal aktenkundig, 1436, 1439 und 1455 Prozesse vor
Gericht, 1465 "Hofmann" des Mainzer Bischofs, 1468 in Mainz gestorben. Noch
nicht einmal sein authentisches Aussehen ist bildlich überliefert.
Aber die Lebensgeschichte dazu birgt alles, was ein guter Roman braucht: Edle Herkunft
(Patriziersohn), vielleicht Studentenleben (Studium in Erfurt), Anklage wegen
Heiratsschwindel (eine Affäre in Straßburg) samt Prozeß, ein Schuldenprozeß,
erfolgreicher Erfinder, unglücklicher Geschäftsmann (Konkurs unter Verlust der
Firmeneinrichtung), Schöpfung des "schönsten Buches der Welt" (die
Gutenberg-Bibel), schließlich Flucht aus der eroberten Vaterstadt Mainz ins Exil,
Rückkehr und ehrenvolles Altenteil, anerkannt als der Erfinder des Buchdrucks.
Und es finden sich Schlüsseljahre und
Schlüsselereignisse, die einen genaueren Blick lohnen:
Als der fast vierzigjährige Gutenberg mit Partnern in Straßburg eine Firma aufmacht, um
Pilgerspiegel für Wallfahrer auf dem Weg nach Aachen herzustellen, die damit die
heilbringenden Strahlen von Reliquien einfangen wollen, produziert er zum ersten Mal
seriell und in Massen. Seine Grundlage: Serienguß mit einer Zinnlegierung.
Darauf aufbauend verfolgt er im geheimen ein Projekt mit einer Presse und einer
zerlegbaren "Form" - mehr ist den Prozeßakten, die in Straßburg darüber
angefertigt wurden, nicht zu entlocken. Heute denken die Forscher, daß es dabei wohl
schon um Experimente zum Buchdruck ging.
Als er ab 1448 wieder in Mainz wohnte, da konnte er es bereits: drucken!
Es war doch ganz einfach! Die Kombination von Stempel, Papier und Weinpresse - aber er war
darauf gekommen, ihm war der geniale Gedanke der Verknüpfung all dieser Dinge gekommen.
Technik der Zukunft - Am Anfang des
Medienzeitalters
Für jeden Klein- und Großbuchstaben und alle anderen
Zeichen stellte er jeweils ein Metallstäbchen aus hartem Eisen her, das am oberen Ende
den Buchstaben seitenverkehrt und erhaben herausgearbeitet zeigte.
Diese "Urtypen" prägte er mit einem Hammerschlag in ein rechteckiges Plättchen
aus weichem Metall, vermutlich Kupfer. So erhielt er beliebig viele Negativ-Matrizen
seiner Urform, aus denen er nach Bedarf in einem von ihm ebenfalls neu entwickelten
zweiteiligen Handgießgerät Metalltypen gießen konnte.
Dieses Gießgerät hatte er vermutlich aus Messing hergestellt, damit es die 300 Grad
heiße Legierung aus Blei, Zinn und kleinen Mengen Antimon unbeschadet überstehen konnte.
Die Bleitypen, die später zum Drucken verwendet wurden, mußten nach dem Erkalten sehr
hart sein, um sich nicht allzu rasch abzunutzen.
Vorsortiert in Kästen, stellte der Setzer mit Hilfe eines Winkelhakens, den er in der
linken Hand hielt, mehrere Zeilen eines Textes aus den Bleitypen zusammen, gab diese
fertigen Zeilen dann nacheinander auf ein Holztablett (Satzschiff), das am Ende eine ganze
Seite aufnahm.
Dieses Tablett gab der Setzer auf das Fundament, Teil des "Karrens" der
Druckerpresse.
Dort trat der "Ballenmeister" in Aktion, der zwei mit Roßhaar gefüllte Ballen
in der Hand hielt. Auf die beiden Ballen gab er möglichst gleichmäßig Druckerschwärze
und rollte sie dann auf der Satzform ab, so daß sie nahezu gleichbleibend eingefärbt
wurde. Im gleichen Moment spannte der zweite Drucker einen Papierbogen mit Hilfe der
Markierungsnadeln auf eine exakt bezeichnete Stelle des aufklappbaren Deckels.Dann klappte
er den Deckel zu und der Bogen lag direkt auf der eingefärbten Satzform auf.
Dank der großen Schraube oder Spindel mit einer Preßplatte (Tiegel), die durch Drehen
des "Bengels" (Querholz) nach unten gesenkt werden konnte, wurde das
eingespannte Papier mit großem Druck auf die Satzform gepreßt.
Als Vorlage für diese Presse diente wahrscheinlich eine Wein- bzw. Papierpressen.
Nach dem Druckvorgang wurden die Papierbögen (Doppelseiten) zum Trocknen aufgehängt und
später mit den anderen Bögen des zukünftigen Buches zu "Lagen" sortiert.
Damals verließen die Bücher noch ungebunden die Werkstatt
des Druckers, damit der Käufer sie individuell mit bunten Farben von Hand ausmalen lassen
konnte; erst dann trat der Buchbinder in Aktion.
Bei "anspruchsvollen" Büchern wurden die Buchstaben nicht gesetzt, die später
rot erscheinen sollten, und die Initialen - das waren Fälle für die althergebrachte
Handarbeit der Schreiber.
Gutenberg bewältigte mit seiner Art der Druckerpresse ein
für ihn äußerst wichtiges Problem, (das wir ihm aus heutiger Sicht gar nicht
unterstellen würden): Es gelang ihm mit dieser Art der Buchherstellung, noch schönere
Bücher herzustellen als die besten Schreiber. Dabei kam es unter anderem bei der
Produktion der Bibel an: Ein absolut ausgewogenes Schriftbild, besser als von Hand je
herstellbar. Es dauerte auch nicht lange, bis die Entwicklung der Drucktypen sich ganz von
den verschiedenen Handschriften löste und eine eigene Lesekultur begründete: Das Lesen
normierter, in sich immer gleicher Zeichen.
Die logistischen Probleme konnte Gutenberg nur mit fremder finanzieller Hilfe lösen:
Geheimhaltung über Jahre - Gebrauchsmuster- und Patentschutz gab es noch nicht -,
Werkstattraum, zuverlässiges Personal (Schriftgießer, Setzer und Drucker), die erst
einmal mit der Erfindung vertraut gemacht werden mußten, und Unmengen von Papier und
Metall.
Die Bibel und die Pleite
Vermutlich hat Gutenberg mit ganz profanen Aufträgen
begonnen: Gefragt waren damals Grammatiken für den Lateinunterricht, Flugblätter und
aktuelle Bekanntmachungen. Sein erstes großes Werk war die berühmte, in 42 Zeilen pro
Seite gesetzte Bibel, die zwischen 1452 und 1455 entstand. Etwa 20 Mitarbeiter, stellten
an vier bis sechs Druckerpressen 180 Exemplare mit jeweils 1282 Seiten her.
Exil und Alter
Das Geld, das sich Gutenberg für diesen selbstgestellten
Mammutauftrag geliehen hatte, wurde für ihn zum Stolperstein. Im Gerichtsstreit mit
seinem Finanzier verlor er die Druckerei samt einem Teil der fertiggestellten Bibeln.
Daraus entstand in Mainz die zweite Druckerwerkstatt der Welt, die Offizin von Fust und
Schöffer.
Gutenberg selbst arbeitete anscheinend in seiner ersten Druckerei auf eigene Rechnung
weiter.
Der zweite Schicksalsschlag ereilte ihn 1462, als im Machtkampf um die Besetzung des
Erzbischofsstuhles in Mainz die Stadt gewaltsam eingenommen und viele Bürger ins Exil
gezwungen wurden. Dazu gehörten auch Gutenberg und seine Gehilfen. Er selbst durfte
einige Zeit später wieder zurückkehren; viele seiner Mitarbeiter aber wanderten
dauerhaft in andere Städte ab - und verbreiteten damit unwiderruflich die Kunst des
Buchdrucks über ganz Europa und die Welt.
Gutenberg starb wenig später im Jahr 1468 als angesehener Bürger von Mainz und als
"Hofmann" des neuen Erzbischofs.
Team "Mainz. Gutenberg 2000"
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